Wenn die Seele sich wehrt

Schlaflosigkeit, ständige Müdigkeit, ein Gefühl der Energielosigkeit, „keine Lust auf gar nichts“, dazu Rücken- und Kopfschmerzen – hinter diesem Beschwerdebündel kann sich eine ernste Erkrankung verbergen, denn so verschieden diese Symptome auch sind, haben sie meist eine gemeinsame Ursache.

Foto   Eine Depression kann viele Gesichter haben

Bestimmte körperliche Symptome wie zum Beispiel Rückenschmerzen und diffuse Beschwerden wie das Gefühl der ständigen Überlastung, treten oft gemeinsam auf. Dies ist schon seit langem bekannt und spiegelt sich in Sprichworten wider wie „jemand hat ein breites Kreuz“ (er kann viel Leid ertragen…).Heute weiß man, dass sich sehr viele seelische Probleme unter dem Deckmantel körperlicher Beschwerden äußern. Typisch hierfür ist, dass die Therapie der körperlichen Symptome mit Medikamenten, z.B. von Rückenschmerzen mit Schmerzmitteln, nicht zum gewünschten Erfolg führt. Denn zunächst muss der seelische Auslöser beseitigt werden.

Wenn die Seele sich hinter dem Körper versteckt

Diese engen Zusammenhänge von seelischen und körperlichen Problemen verdeutlicht die folgende Krankengeschichte: Verena M. (46) quälte sich schon seit Wochen mit anhaltenden Rückenschmerzen. Jede Bewegung tat weh, die Arbeit im Büro fiel ihr täglich schwerer, und um schlafen zu können, brauchte sie Tabletten. Massagen und Krankengymnastik halfen kaum. Als sie zum dritten Mal ihren Hausarzt aufsuchte, um sich erneut ein Schlafmittel verschreiben zu lassen, wurde der Arzt stutzig. Weil Verena M. damals sichtlich den Tränen nahe war, nahm er sich spontan Zeit für ein ausführliches Gespräch. Der Hausarzt fragte nicht nur nach ihren Schmerzen und Schlafproblemen, sondern auch nach ihrem beruflichen und privaten Leben. Bei Verena M. wirkte das wie ein Dammbruch: Eine halbe Stunde lang schüttete sie dem Arzt ihr Herz aus. Über ihre Angst vor dem neuen Chef, der den Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt hatte. Über ihre Einsamkeit seit der Trennung von ihrem früheren Partner, über die Mühe, die sie schon mit alltäglichen kleinen Verrichtungen wie Einkaufen oder Waschen hatte. Jede Anforderung stand wie ein Berg vor ihr.

Dieses Beispiel ist typisch für eine „larvierte“ Depression. Darunter versteht man seelische Probleme, die sich hinter körperlichen Beschwerden verstecken:Ganz offensichtlich bildeten die Rückenschmerzen und Schlafstörungen nur ein körperliches Ventil für ihre seelische Not. Ständig weiterhin Schlafmittel einzunehmen, ist hier der völlig falsche Weg. Vielmehr kommt es darauf an, das von den körperlichen Beschwerden versteckte Problem anzugehen.

Neben einer Gesprächs- oder Verhaltenstherapie können dabei Medikamente helfen, die die seelische Stimmung direkt beeinflussen. Besonders geeignet dafür sind die erst vor wenigen Jahren entwickelten, sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, abgekürzt SSRI. Sie enthalten Wirkstoffe wie beispielsweise Citalopram (im Handel z.B. unter dem Namen Cipramil®). Diese Medikamente müssen vom Arzt verschrieben werden. Sie wirken direkt im Gehirn, also dort, wo unser „Stimmungsbarometer“ angesiedelt ist: SSRI erhöhen die Konzentration von Serotonin, einem wichtigen Nervenbotenstoff, der für viele Stoffwechselvorgänge im Gehirn gebraucht wird. Ein Mangel an Serotonin begünstigt und verstärkt Depressionen. Einer der wesentlichen Vorteile von Citalopram besteht darin, dass die Substanz im Vergleich zu anderen Medikamenten, die gegen Depressionen verschrieben werden, kaum Nebenwirkungen wie zum Beispiel Muskelzittern, Benommenheit oder Sehstörungen hat. Und – was oft noch wichtiger ist – es macht nicht abhängig wie viele Schlaf- und Beruhigungsmittel.

Die Freude am Leben zurückgewinnen

Ein sichtbarer Behandlungserfolg stellt sich meist innerhalb weniger Wochen ein. So auch bei Verena M., die dieses Medikament zwei Monate lang eingenommen hat. Gleichzeitig begann sie eine Psychotherapie. Jetzt spürt sie bereits die ersten Erfolge: Die Rückenschmerzen haben deutlich nachgelassen, zum Einschlafen braucht sie keine Tabletten mehr. Im Büro engagiert sie sich stärker als früher und wurde dafür bereits mehrfach vom Chef gelobt. Die Angst vor einer Entlassung ist verflogen. Verena M. ist selbstsicherer geworden und sucht auch wieder Kontakt mit anderen Menschen.

In Kürze wird sie zum ersten Mal allein in Urlaub fahren – in ein Sporthotel, wo sie sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt: surfen zu lernen. Danach – so hofft sie – wird es ihr auch leichter fallen, durchs Leben zu „surfen“.